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2015-08-14

Centuria I, Experimentum 40: Orte und Jahre: Peking 1601

Ausschnitte aus hck: "Philosophie der Renaissance": Teil 11



Hier nun der elfte Teil der Ausschnitte aus meinem 2014 erschienenen Einführungsband zur Philosophie der Renaissance.

Eine überarbeitete Version hätte wohl gewichtig den von Isabelle Landry-Deron herausgegebenen Sammelband La Chine des Ming et de Matteo Ricci (1552-160) : Le premier dialogue des savoirs avec L'europe (Paris: Les éditions du cerf / Institut Ricci 2013 | ISBN: 978-2-204-09617-1) zu berücksichtigen, der mir zum Zeitpunkt der letzten inhaltlichen Veränderungen an diesem Kapitel noch nicht zur Verfügung stand.

Zum Kontext und für Auszüge aus dem in den Band einführenden Kapitel "München 2013" siehe hier. Auszüge aus dem vorigen Kapitel ("Ciudad de Mexico 1599") gibt's   hier  .


Hier die Ausschnitte:

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Peking 1601


            Peking,[1] das ist der Ort, 1601, das ist das Jahr einer von Matteo Ricci[2] erreichten Epoché (im chronologischen Sinne): Dauerhafte Niederlassung des Gelehrten in der Hauptstadt des Chinesischen Reiches.[3]


            Der Weg dorthin war weit und lang:
            Geboren am 6. Oktober 1552 in Macerata (in den päpstlichen Territorien),[4] verbrachte Ricci sieben Jahre dort als Schüler des örtlichen Jesuitenkollegs, lernte lateinische und griechische Sprache und Literatur.[5] 1568 dann nach Rom, um Jura zu studieren;[6] 1571 dort Eintritt in den Jesuitenorden,[7] und Studien im Collegio Romano.[8] In jenen Jahren gibt es mehrere Jesuitisch/Portugiesische Missons- und Kolonisierungsprojekte.[9] 1577 wird Ricci zusammen mit sieben anderen für die Indienmission ausgewählt, reist im Mai nach Portugal, kommt im Juli in Lissabon an.[10] Dann studiert er Theologie in Coimbra.[11]
            Am 23. März 1578 dann der Aufbruch zur fast ein halbes Jahr dauernden beschwerlichen Seereise nach Indien, Ankunft in Goa am 13. September.[12] Das Theologiestudium wird fortgesetzt.[13] Ricci gehört schon dort und damals zu den wenigen Jesuiten die die Aufnahme von Nicht-Europäern in ihren Orden befürworten.[14] Vom 26. April bis 7. August reist er per Schiff nach Macao.[15] Die Beziehungen der chinesischen Autoritäten und Bevölkerung zu den mit Misstrauen betrachteten in Macao isolierten Einwohnern selbiger Niederlassung sind nicht spannungsfrei.[16] Ricci hat ein "chinakompatibles" Aussehen und lernt schnell gut genug Chinesisch um sich mit Autoritäten ohne Dolmetscher verständigen zu können.[17] Eine Delegation der Ricci angehört reist im Dezember 1582 aufs Festland, über Xiangshan, Guanzhou nach Zhaoqing um eine Uhr als Geschenk zu übergeben, muss aber nach kaum drei Monaten wieder nach Macao zurückkehren.[18]
            1583 schreibt Ricci an seinen Ordensgeneral Aquaviva, und bittet um die Übersendung einer Weltkarte.[19] Riccis chinesische Weltkarten[20] (die erste wurde 1584 gedruckt kaum dass es Ricci möglich geworden war sich auf dem chinesischen Festland niederzulassen,[21] dann vergrößert und verbessert Nanking/Nanjing 1600,[22] dann Peking 1602[23] [ein sehr großer Erfolg: "tausende" bzw. "viele" und "sehr viele" Exemplare werden davon gedruckt,[24] ja das Werk wird im selben Jahr dortselbst raubgedruckt],[25]eine  erneut vergrößerte und verbesserte Ausgabe folgt Peking 1603),[26] diese Karten, die auch Texte enthalten, diese Weltkarten machen beachtlichen Eindruck: schon Ortelius' Weltkarte (mit ihren Erläuterungen durch Ricci) hatte 1584 in Zhaoqin beträchtliches Interesse erfahren;[27] gegen Ende des Jahres folgt dann Riccis erste eigene chinesische Weltkarte dortselbst.[28] Ein unautorisierter Nachdruck derselben verbessert 1598 Riccis Situation in Nanjing.[29] Die (vermutlich) erste der Pekinger Ausgaben der Karte erlaubt es dem chinesischen Autoren des Vorworts Li Zhizao westliche und chinesische Astronomie/Kosmologie zu verbinden.[30] Der Ruhm seiner Weltkarten eilt Ricci voraus.[31] Unter all seinen Werken ist sie zu seiner Zeit das meistgedruckte, selbst der Kaiser wünscht ein Exemplar davon (und erhält eine Spezialversion auf einem Lackschirm).[32]
            Riccis Weg von Macao zum Residenzort des Kaisers war länger als der vorige Absatz. Schon in seiner Zeit in Macao hatte er Parallelen gezogen zwischen den chinesischen Mandarinen, denen zeremoniell hohe Achtung entgegengebracht wird und die allein ihrer Gelehrsamkeit wegen ihre Stellung erreicht haben, und dem römischen Papst.[33] 1583 wird die erste jesuitische Dauerniederlassung in Inlandschina, in Zhaoqing, erlaubt.[34] Die Jesuiten präsentieren sich als Mönche aus dem Lande Buddhas und werden als eine Sorte buddhistischer Mönche wahrgenommen.[35] Michele Ruggieri/Luo Mingjian erreicht, dass der Mandarin Wang Pan den Druck von 3000 Exemplaren des von Ruggieri erarbeiteten chinesischen Katechismus unterstützt.[36] Ölbilder, wissenschaftliche Instrumente, die erwähnte Weltkarte führen zu zahlreichen interessierten chinesischen Besuchern in Ruggieris und Riccis Niederlassung.[37] 1585 meldet Ricci, er habe sich äußerlich völlig sinisiert,[38] Sprachenmischung habe zu Verlust der Fähigkeit elegantes Italienisch zu schreiben geführt.[39] 1589 muss Zhaoqing verlassen werden, geht es weiter in die Präfekturhauptstadt Shaozhou.[40] Ricci distanziert sich (und seine Gefährten) vom Auftreten buddhistischer Mönche, betont Unterschiede zu diesen und Gemeinsamkeiten mit chinesischen Literaten.[41] Der Weg zur Erfindung der angeblichen a-religiösen chinesischen Staatsreligion Konfuzianismus ist betreten.[42] 1589 beginnt auch der Austausch mit dem vergleichsweise irregulären Gelehrten Qu Rukui.[43] 1593 beginnt Ricci erneut Chinesischunterricht zu nehmen.[44] 1594 erhält er bei einem Besuch in Macao offizielle Erlaubnis zum Rollenwechsel.[45] 1595 findet Riccis Umzug (mit einem Zwischenaufenthalt in Nanking/Nanjing) nach Nanchang statt.[46] Dort beeindrucken Riccis Gedächtnisleistungen, seine Mnemotechnik interessiert, erweist sich aber als für Chinesen wenig tauglich.[47]


[1]           Da ich (quasi) kein Chinesisch kann (Zeichen und gesprochene Worte addiert ist die Summe meines Wortschatzes geringer als zehn): befinde ich mich in diesem Kapitel in einer Situation in der sich vermutlich in den anderen Kapiteln der eine oder andere Leser, die eine oder andere Leserin befunden haben wird: Ein wesentlicher Teil der grundlegenden Primär- wie Sekundärliteratur ist mir gar nicht zugänglich, weitere Teile sind es nur in Übersetzung und/oder via Sekundärtexte sprachkundigerer anderer Autor/inn/en. Fehler werden vermutlich die Folge sein. Ich nehme sie in Kauf, und ermutige auch andere in bezug auf andere in anderen Kapiteln dieses Bandes "einschlägige" Sprachen sich nicht durch Sprachbarrieren von der Beschäftigung mit Philosophie der Renaissance abhalten zu lassen. Zumindest für die untersuchende Person können derlei Untersuchungen auch so intellektuell gewinnbringend sein (und u.U. auch Anregung die eigenen Sprachkenntnisse in Zukunft auszubauen).
[2]           Eine Gesamtbibliographie der (umfangreichen) Literatur zu Ricci ist mir nicht bekannt; eine hinreichend vollständige solche Bibliographie zu erstellen ist mir selbst (schon allein der erwähnten fehlenden Sprachkenntnisse wegen) nicht möglich. Zur Einführung und für Bibliographien ausdrücklich empfohlen: Ronnie Po-chia Hsia: A Jesuit in the Forbidden City : Matteo Ricci 1552-1601, Oxford [Oxford University Press] 2010 (im Folgenden: Po-chiaHsia2010) (Bibliographie dort: pp. 342-349), und für schnellen Überblick auch: Rita Haub & Paul Oberholzer: Matteo Ricci und der Kaiser von China : Jesuitenmission im Reich der Mitte, Würzburg [echter] 2010, und noch kürzer: Sven Trakulhun: Kulturwandel durch Anpassung? : Matteo Ricci und die Jesuitenmission in China , in: "zeitenblicke" 11.1 (2012), URL: http://www.zeitenblicke.de/2012/1/Trakulhun (gesehen 2013-03-11); ebenfalls (u.a. für Kontextualisierungsaspekte) empfohlen: Lavinia Brancaccio: China accomodata : Chinakostruktionen in jesuitischen Schriften der Frühen Neuzeit, Berlin [Frank & Timme] 2007 (jeweils auch mit Verweisen auf weiterführende Literatur). An älterer Literatur vielleicht am weitesten verbreitet (und stilistisch ungewöhnlich bis [mindestens] zur Sprengung von Genregrenzen) ist Jonathan D. Spence: The Memory Palace of Matteo Ricci, New York [Viking] 1984 (Bibliographie dort: pp. 319-337). Ein Überblick über die Ricci-Forschung des 20. (und frühesten 21.) Jahrhunderts findet sich Po-chiaHsia2010, pp. 299-308; auch er sei ausdrücklich empfohlen. Ebenfalls ergiebig die bibliographischen Angaben in Matteo Ricci (ed. Filippo Mignini, trans. Nina Jocher): Über die Freundschaft : Dell'amicizia, Macerata [Quodlibet] 2005, pp. 71-75 (für Primärtexte und Editionen) und pp. 75-79 (für Sekundärliteratur). Eine ausführliche Zeittafel (Cronologia Ricciana) zu Riccis Leben, Wirken, Fortwirken findet sich in Pasquale Maria D'Elia (ed.): Fonti Ricciane ; Volume III : Storia dell'introduzione del cristianesimo in Cina : Appendici e indici, Roma [La Libreria dello Stato] 1949, pp. 20-39.
[3]           24. Januar 1601. Siehe Po-chiaHsia2010, pp. 205-207. Eine Kurzchronologie zu Riccis Leben und seinen Schriften findet sich in Rita Haub & Paul Oberholzer: Matteo Ricci und der Kaiser von China : Jesuitenmission im Reich der Mitte, Würzburg [echter] 2010, pp. 45-47.
[4]           Po-chiaHsia2010, p. 1.
[5]           Po-chiaHsia2010, p. 4s.
[6]           Po-chiaHsia2010, p. 5.
[7]           Po-chiaHsia2010, p. 6s & p. 12.
[8]           Po-chiaHsia2010, p. 12sqq.; dort p. 16 zu Einfluss des Aristoteles (Riccis Vertreten von dessen Logik und Elementenlehre in China) und Mathematik. Für Klagen eines Dominikaners der Mitte des 16. Jahrhunderts über deplorablen Zustand chinesischer Naturphilosophie siehe Po-chiaHsia2010, p. 59.
[9]           Po-chiaHsia2010, p. 19s für Japan und den Estado India. Sowie p. 20s & p. 311s für Ricci zugängliche Literatur zu Missionsprojekten in Idien, Brasilien, China.
[10]          Po-chiaHsia2010, p. 24s.
[11]          Po-chiaHsia2010, pp. 26-28.
[12]          Po-chiaHsia2010, pp. 28-35.
[13]          Po-chiaHsia2010, p. 39.
[14]          Po-chiaHsia2010, p. 49.
[15]          Po-chiaHsia2010, p. 50.
[16]          Po-chiaHsia2010, pp. 51-77 passim.
[17]          Po-chiaHsia2010, p. 70.
[18]          Po-chiaHsia2010, p. /!:
[19]          Po-chiaHsia2010, p. 72.
[20]          Zu diesen: Pasquale Maria D'Elia: Recent Discoveries and new studies (1938-1960) on the World Map in Chinese of Father Matteo Ricci, in: "Monumenta Serica" 20 (1961), pp. 82-164.
[21]          Pasquale Maria D'Elia: Recent Discoveries and new studies (1938-1960) on the World Map in Chinese of Father Matteo Ricci, in: "Monumenta Serica" 20 (1961), pp. 82-164, hier pp. 85-88). Zu dieser Version und ihren Nachfolgern siehe auch Lionel M. Jensen: Manufacturing Confucianism : Chinese Traditions & Universal Civilization, Durham [Duke University Press] 2003, p. 37s. Zu einem unautorisierten Nachdruck dieser Version siehe Po-chiaHsia2010, p. 171.
[22]          Pasquale Maria D'Elia: Recent Discoveries and new studies (1938-1960) on the World Map in Chinese of Father Matteo Ricci, in: "Monumenta Serica" 20 (1961), pp. 82-164, hier pp. 88-108 (mit reichlich Kontextualisierung!).
[23]          Pasquale Maria D'Elia: Recent Discoveries and new studies (1938-1960) on the World Map in Chinese of Father Matteo Ricci, in: "Monumenta Serica" 20 (1961), pp. 82-164, hier pp. 108-114. Zu dieser Karte (die es auch als Globus gab) siehe Po-chiaHsia2010, p. 183s.
[24]          Pasquale Maria D'Elia: Recent Discoveries and new studies (1938-1960) on the World Map in Chinese of Father Matteo Ricci, in: "Monumenta Serica" 20 (1961), pp. 82-164, p. 120. Dass von all diesen chinesischen Weltkarten Riccis wohl insgesamt weniger als ein Dutzend erhaltene Exemplare bekannt sind (D'Elias Zahlen hochrechnend) spricht entweder für vergleichsweise geringe Haltbarkeit oder vergleichsweise starke Benutzung, oder beides.
[25]          Pasquale Maria D'Elia: Recent Discoveries and new studies (1938-1960) on the World Map in Chinese of Father Matteo Ricci, in: "Monumenta Serica" 20 (1961), pp. 82-164, hier pp. 114-116.
[26]          Pasquale Maria D'Elia: Recent Discoveries and new studies (1938-1960) on the World Map in Chinese of Father Matteo Ricci, in: "Monumenta Serica" 20 (1961), pp. 82-164, hier pp. 120-158 (mit Abbildungen und reichlich Kontextualisierung).
[27]          Po-chiaHsia2010, p. 87
[28]          Po-chiaHsia2010, p. 87; siehe oben D'Elia zu diesem Druck.
[29]          Po-chiaHsia2010, p. 171.
[30]          Po-chiaHsia2010, p. 220.
[31]          Po-chiaHsia2010, p. 256.
[32]          Po-chiaHsia2010, p. 282.
[33]          Po-chiaHsia2010, p. 73s.
[34]          Po-chiaHsia2010, p. 79sqq.
[35]          Po-chiaHsia2010, p. 92.
[36]          Po-chiaHsia2010, p. 93. Zu diesem Text Po-chiaHsia2010, p. 93-96.
[37]          Po-chiaHsia2010, p. 111.
[38]          Po-chiaHsia2010, p. 105
[39]          Po-chiaHsia2010, p. 106. Noch eindrücklicher: Lavinia Brancaccio: China accomodata : Chinakostruktionen in jesuitischen Schriften der Frühen Neuzeit, Berlin [Frank & Timme] 2007, p. 117n150.
[40]          Po-chiaHsia2010, p. 113-118.
[41]          Po-chiaHsia2010, p. 118.
[42]          Siehe hierzu: Lionel M. Jensen: Manufacturing Confucianism : Chinese Traditions & Universal Civilization, Durham [Duke University Press] 2003, und dort insbes. p. 4, p. 5 ("In this century in China Confucius, the largely Western invention, inspired a re-creation of the native hero, Kongzi ..." [Fettung durch mich]), p. 7 (zu den Quellen der Namensform [Geistertafeln regionaler Tempel]), p. 48sqq (zur "Conversion to the Order of the Literati (Ru)", p. 59s (zur Herstellung eines jesuitischkonfuzianischen Schriftenkanons), pp. 65-67 (zur Präsentation des Konfuzianismus als a-religiös durch Trigault & al.). Siehe auch Po-chiaHsia2010, p. 135 zu Riccis Übersetzung der "Vier Bücher" ("Sì Shū") der konfuzianischen Tradition ins Lateinische.
[43]          Po-chiaHsia2010, pp. 120-125. Qu Rukui (der u.a. ererbtes Vermögen für Alchemie verschleudert hatte, und statt als Beamter zu wirken von anderer Leute Geld lebend China durchwanderte) lernte von Ricci, half diesem durch seine Beziehungen und intellektuellen Austausch. Kuriositätshalben: 1590/1591 stellt Ricci ein aus Mexico stammendes Bild von Madonna, Kind und Johannes auf den Altar der Kapelle, was zu vielen täglichen Besuchern und zu nächtlichen Steinwürfen führt; Qu Rukui rät zur Antwort hierauf und bezieht den Präfekten ein (op.cit., p. 125). Vgl. auch Po-chiaHsia2010, p. 129 zu einem Besuch in  Nanxiong: Aufenthalt bei Qu Rukui, Besuch in der Residenz des stellvertretend höchsten Beamten der Stadt, Gegenbesuch des selben in Qus Haus, in der Folge Besuche anderer Autoritäten der Stadt bei Ricci. Po-chiaHsia2010, p. 136 zu Qus Einfluss auf Riccis Abwendung von buddhistennahem Auftreten.
[44]          Po-chiaHsia2010, p. 135-137.
[45]          Po-chiaHsia2010, p. 138.
[46]          Po-chiaHsia2010, p. 141-150.
[47]          Po-chiaHsia2010, p. 141-153. Riccis Mnemotechnisches Werk ist Leithintergrund für Jonathan D. Spence: The Memory Palace of Matteo Ricci, New York [Viking] 1984. Eine Reprographische Wiedergabe und kommentierte deutsche Übersetzung mit Einführung bietet: Michael Lackner: Das vergessene Gedächtnis : Die jesuitische Abhandlung Xiguo Jifa / Übersetzung und Kommentar, Wiesbaden [Frank Steiner Verlag] 1986. Dort p. 4 der zusammenfassende Hinweis, dass Weise und Grad des Zusammenhangs mit Ricci lockerer/vermittelter sein könnten als eine normale Autorzuwerkbeziehung, und pp. 11-18 zu möglichen Gründen des Ausbleibens größerer chinesischer Wirkungsgeschichte.








<...>








            Von beträchtlicher Ausführlichkeit ist das Kapitel über Aberglauben und andere Irrtümer der Chinesen.[1]
            Unter der Überschrift "Verschiedene Sekten falscher Religion bei den Chinesen"[2] steht sofort zu lesen:[3]

Ex omnibus Ethicorum sectis, quae quidem in Europa nostrae notitiam devenerunt, hactenus nullam legi, quae in pauciores errores inciderit, quam Sinarum gens prioribus antiquitatis suae seculis incidisse. In illius quippe libros lego, Sinas iam inde ab initio supremum & unum Numen adorasse, quod ipsi coeli Regem apellabant, vel alio nomine coelum & terram.
Unter allen Sekten der Heiden von denen bislang in Europa zu uns Kenntnis gelangte, habe ich noch von keiner gelesen, die in weniger Irrtümer verfiel, als es das Volk der Chinesen in seiner allerältesten Zeit tat. In ihren Büchern nämlich las ich, dass die Chinesen schon von Anfang an eine höchste und einzige Gottheit verehrten, die sie selbst König des Himmels nannten, oder mit einem anderen Namen Himmel und Erde.
Vielleicht sei hierunter eine gemeinsame Seele von Himmel und Erde verstanden worden.[4] Weder diese Gottheit noch die ihr dienstbaren Geister seien je als so lasterhafte Monster dargestellt worden wie bei unseren Römern, Griechen und Ägyptern (nostri Romani, Graeci, Ægypti); so sei zu hoffen, dass viele von ihnen im Gesetz der Natur Heil fanden; und auch viel Gutes steht von ihnen in ihren viertausend Jahre zurückreichenden Annalen zu lesen.[5] In späteren Jahrhunderten aber seien sie - wie es der menschlichen Natur ohne Hilfe der Gnade entspreche - zum Atheismus degeneriert.[6] Abgesehen von Spuren (vestigiis) von Muslimen, Juden und Christen haben sie, so Trigault, drei Sekten, unter diesen zuerst die der Gelehrten, die den Chinesen eigentümlich, und die älteste sei.[7] Mitgliedschaft in dieser Sekte erwähle man sich nicht, sondern nehme sie mit gelehrten Studien in sich auf, alle bekennen sich zu ihr; Gründer bzw. Fürst der Philosophen (Princeps Philosophorum [den Westlern das klassische Epithet des Aristoteles]) sei ihnen Konfuzius.[8] Die ursprünglichsten und wichtigsten von ihnen verehrten nur eine Gottheit.[9] Belohnungen für gute und Strafen für schlechte Handlungen kennten sie, doch nur in diesem Leben, als Folgen entweder für den Handelnden selbst, oder für dessen Nachkommen.[10] Die neueren Anhänger dieser Gruppe lehrten, die Seelen gingen mit den Körpern (oder kurz nach diesen) unter.[11] Heutzutage verträten sie die - wohl vor ungefähr fünfhundert Jahren von den Bilderanbetern (Taoisten) entlehnte - Ansicht, der ganze Kosmos sei eine einzige Substanz.[12] Sie hätten weder Tempel, noch Priester, noch verbindliche feierliche Riten.[13] Tempel zur Verehrung der einen Gottheit durch den Kaiser gebe es in den beiden Hauptstädten Nanking und Peking.[14]

HUIUS Literatorum sectae scopus, in quem omnis eius institutio collimat, est pax publica, & Reipublicae quies. Oeconomica etiam familiarum, & privata singulorum ad virtutem compositio. Quem in finem accomodata sane praecepta tradunt, eaque omnia innato nobis lumini, Christianaeque consona veritati. Celebrantur ab iis quinque combinationes, quibus omnis humanorum officinoprum disciplina continetur. Eę sunt patris ac filii, mariti & uxoris, domini & clientis, fratrum inter se maiorum ac minorum, sociorum denique aut aequalium. Has combinationes ipsi soli se assecutos putant, & eas ab externis populis aut nesciri aut negligi arbitrantur.
Caelibatum damnant, polygamiam permittunt. Explicatissimum habent in suis libris alterum pareceptum Charitatis; Quod tibi non vis fieri, alterum ne feceris, &c.[15]

Das Ziel dieser Sekte der Gelehrten, für ihre ganze Einrichtung, ist der Öffentliche Friede und die Ruhe des Gemeinwesens. Und auch die Ökonomik der Familien und die private Zusammenstellung der Einzelnen zu den Tugenden. Zu diesem Ziel lehren sie völlig angepasste Regeln, die alle aus dem uns eingeborenen Licht stammen, und mit der christlichen Wahrheit übereinstimmen. Es werden von ihnen fünf Verbindungen gefeiert, unter denen alle Disziplin menschlicher Officia[16] enthalten ist. Diese sind <die Verbindung des> Vaters mit dem Sohn, des Ehemanns und der Ehefrau, des Herrn und des von ihm Abhängigen, die zwischen älterem und jüngerem Bruder, die von Gefährten oder Gleichen. Sie sind der Ansicht, dass allein sie diese Verbindungen begriffen haben, und vertreten, dass diese bei Ausländern entweder unbekannt oder vernachlässigt seien.
EHELOSIGKEIT verdammen sie, Polygamie erlauben sie. Ganz explizit haben sie in ihren Büchern eine andere Regel der Liebe: "Was Du nicht willst dass man Dir tu', das füg' auch keinem andren zu." usw.
Von einigem wenigen abgesehen widersprechen ihre Regeln dem Christentum durchaus nicht, auch wenn sie durch dieses in mehrerem vervollkommnet würden.[17]
            Als nächstes werden die Buddhisten behandelt.[18] Man könne sehen, dass sie den Philosophen unserer Gegenden[19] in einigen Lehren gefolgt seien, so verträten sie z.B. es gebe vier Elemente (statt fünf wie fälschlicherweise die Chinesen)[20] sie vertreten mit Demokrit und anderen die Existenz vieler Welten, und scheinen ihre Seelenwanderungslehre abwandelnd von den Pythagoräern übernommen zu haben.[21]
            Die Lehre der Taoisten wird als "dritte Lehre weltlicher Religion" ("tertium profanae Religionis dogma") vorgestellt,[22] ihr Gründer ("Lauzu") als Philosoph.[23] Dieser habe kein Buch zurückgelassen; nach seinem Tod hätten andere sich auf ihn berufend unter seinem Namen aus verschiedensten Quellen einen Text namens "Tausu" zusammengestellt.[24] Ihre Lehren und Praxis unterschieden sich in wenigem von Aberglauben.[25]
            Der Gründer der Ming-Dynastie habe festgelegt, dass alle drei dieser Lehren zur Unterstützung des Reichens bewahrt werden sollten, jedoch mit Vorrang der Lehren der (konfuzianischen)[26] Gelehrten.[27]




            Trigaults auf Ricci fußendes Werk blieb nicht das einzige das Leserinnen und Lesern westlicher Sprachen von chinesischem Denken berichtete.[28] Und Interesse daran war nichts was bald aufgehört hätte. Noch nach Mitte des 18. Jahrhunderts berichtet Jakob Brucker ausführlich über chinesische Philosophie,[29] erwähnt dabei auch Ricci.[30] Wie schon im Falle des grundlegendsten Teils der Philosophie Europäischer Tradition, der Logik (am Beispiel der Logik Rubius')[31] so zeigt sich auch im Falle des auf den ersten Blick von Europäischen Traditionen aus vielleicht "exotischsten" Teils der Philosophie: der Auseinandersetzung mit chinesischer Philosophie: Der Traditionsbruch, der zum Verlust der Auseinandersetzung mit den einschlägigen Texten der Renaissance führte, erfolgte erst deutlich nach der Zeit über die der vorliegende Band berichtet.[32]



[1]           De ritibus apud Sinas superstitiosis, & aliis erroribus : CES1617, pp. 100-113.
[2]           CES1617 (I.10), p. 113: "Variae apud Sinas falsae Religionis sectae."
[3]           CES1617, p. 113.
[4]           CES1617, p. 114.
[5]           CES1617, p. 114.
[6]           CES1617, p. 114.
[7]           CES1617, p. 114s.
[8]           CES1617, p. 115.
[9]           CES1617, p. 115.
[10]          CES1617, p. 115.
[11]          CES1617, p. 115.
[12]          CES1617, p., 116: "universitatem hanc ex una eademque constare substantia".
[13]          CES1617, p. 116.
[14]          CES1617, p. 116s.
[15]          CES1617, p. 119; Kursivierung in der Vorlage.
[16]          Ämter, Aufgaben, Rollen.
[17]          CES1617, p. 119.
[18]          CES1617, p. 119sqq.
[19]          CES1617, p. 120: "nostratium Philosophorum"
[20]          CES1617, p. 120s.
[21]          CES1617, p.121. Es werden dann Ähnlichkeiten zu Dreieinigkeitslehre und Gregorianischem Gesang festgestellt (und nicht ausgeschlossen, dass der Apostel Thomas von ihnen angerufen werde), und dann geurteilt dass sie "aber diesen Schatten der Wahrheit durch schändlichste Nebel der Lügen auslöschten" ("Sed hanc veritatis umbram teterrimae mendaciorum nebulae extinxerunt.").
[22]          CES1617, p. 124.
[23]          CES1617, p. 124s.
[24]          CES1617, p. 125.
[25]          CES1617, p. 126 & passim.
[26]          Um das Mitdenken von (vielen und großen) Anführungszeichen wird gebeten. (hck)
[27]          CES1617, p. 128. Ich habe eine extrem kurze Darstellung auch dieses Kapitels gegeben; ausführlichere und gründliche Lektüre lohnt sehr, z.B. was die chinesische Einstellung Götzenverehrung möge zwar vielleicht wirkungslos sein, schade aber zumindest nicht, und Nähe zum Atheismus, betrifft.
[28]          Für Fallstudien zu (abgesehen von Ricci) Bartoli und Kircher siehe Lavinia Brancaccio: China accomodata : Chinakonstruktionen in jesuitischen Schriften der Frühen Neuzeit, Berlin [Frank & Timme] 2007.
[29]          Iacobus Bruckerus: Historia Critica Philosophiae A Tempore Resuscitarum In Occidente Literarum Ad Nostra Tempora : Tomi IV. Pars Altera, Lipsiae [Impensis Weidemanni et Reichii] 1766, pp. 846-906: mit reichlich Literaturangaben, die zeigen, dass das Interesse eines zahlreicher Autoren war. (Bruckers Text steht online zur Verfügung u.a. unter http://books.google.de/books?id=IUxNAQAAIAAJ [gesehen 20134-03-18]; Ich habe eine Digitalversion eines Exemplars der University of Michigan verwendet: URL http://books.google.de/books?id=IJPNAAAAMAAJ [gesehen 2013-03-18].)
[30]          Iacobus Bruckerus: Historia Critica Philosophiae A Tempore Resuscitarum In Occidente Literarum Ad Nostra Tempora : Tomi IV. Pars Altera, Lipsiae [Impensis Weidemanni et Reichii] 1766, p 874.
[31]          Siehe voriges Kapitel.
[32]          Die Auseinandersetzung mit Chinesischer Philosophie ist wiedergewonnen: siehe zur Einführung z.B. David Wong: Comparative Philosophy : Chinese and Western, in: "The Stanford Encyclopedia of Philosophy (SEP)" 2009-10-01, URL http://plato.stanford.edu/archives/fall2011/entries/comparphil-chiwes/ [gesehen 2013-03-18] und David Wong: Chinese Ethics, in: "The Stanford Encyclopedia of Philosophy (SEP)" 2013-03-13, URL http://plato.stanford.edu/entries/ethics-chinese/ (zukünftig wohl: http://plato.stanford.edu/archives/spr2013/entries/ethics-chinese/ ) [gesehen 2013-03-19]. Eine Nutzung der rinascimentalen und frühen nicht-rinascimentalen Traditionen außerchinesischer Auseinandersetzungen mit chinesischer Philosophie hingegen scheint selten oder gar inexistent.



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