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2015-08-04

Centuria I, Experimentum 32: Orte und Jahre: Padua 1408

Ausschnitte aus hck: "Philosophie der Renaissance": Teil 3


Hier nun der dritte Teil der Ausschnitte aus meinem 2014 erschienenen Einführungsband zur Philosophie der Renaissance. Zum Kontext und für Auszüge aus dem Kapitel "München 2013" siehe hier. Auszüge aus dem Kapitel "Prag 1356" gibt's hier.

Sollte es zu einer überarbeiteten zweiten Auflage des erwähnten Einführungsbandes kommen, und sollte ich iese Überarbeitung durchführen, so würde ich für dieses Kapitel hier (i.e. "Padua 1408") wohl auf alle Fälle Gregorio Piaias I manuali di filosofia nella prima età moderna: uno sguardo introduttivo anführen und verwenden. Und ich würde wohl auch Paulus Venetus' Logica parva in Bezug/Vergleich zu Buridans Summulae de dialectica (insbes. Sophismata/Summulae de Practica Sophismatum) setzen.

Anyway: hier der dritte Teil dieser Serie von Auszügen:


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Padua 1408

            Padua, das ist die Stadt mit der wohl - zumindest im Blick auf in ihrem Kontext entstandene philosophische Werke - bestuntersuchtesten Universität der Renaissance,[1]. Und dies nicht zuletzt wegen der dieser Universität aufgrund der Tradition an Aristoteles orientierter Aristotelesauslegung zugewachsenen Fama, Ort religionsunabhängiger Philosophie gewesen zu sein.[2] 1408 ist das wahrscheinliche Jahr der Entstehung[3] der Summa philosophie naturalis[4] des Paulus Venetus[5] (Paolo Nicoletti Veneto da Udine, 1369-1429), Dozent an der Universität Padua.[6]
           
Sein Orden (die Augustinereremiten - OESA -, denen er vermutlich ca. 1383 beigetreten war) hatte beträchtlich in seine Ausbildung investiert, zunächst Heimatkonvent, Santo Stefano in Venedig, dann ab Dezember 1387 der Konvent in Padua, wo er von 1387 bis 1390 u.a. - auf Basis der Werke des Aristoteles - Naturphilosophie studiert hatte. Die Zeit von 1390 bis vermutlich ca. Jahreswechsel 1393/1394 verbringt er in der Studieneinrichtung des Ordens in Oxford, 1394 bis 1396 unterrichtet er im Paduaner Konvent als cursor (eine Übergangsphase zwischen Student und Dozent), dann von 1396 bis 1399 als lector, 1399/1400 vermutlich als opponens, anschließend mit Sentenzen und Bibelauslegung beschäftigt, dann zwischen 1403 und 1405 als inceptor. Im Mai 1408 unterrichtet er als doctor artium et theologiae nicht mehr im Konvent, sondern an der Universität Padua, deren nicht-juristisch/theologischer Zweig, die Universitas Artistarum, erst 1399 gegründet worden war.[7] Seit 1405 unterstehen Padua und die Universität der Serenissima Repubblica di Venezia;[8] spätestens ab 1415 mischt sich Venedig massiv in die Angelegenheiten der Universität ein.[9] Im Mai 1409 wird Paulus Venetus von Papst Gregor XII. zum Generalprior des Augustinerordens ernannt, doch Venedig schließt sich bald später dessen Konkurrenten Alexander V. an, der im September 1409 alle Verwaltungsakte Paulus' für nichtig erklärt; im Februar 1410 legt dieser das Amt des Generalpriors nieder.[10] Bereits ab Herbst 1409 ist Paulus Venetus immer wieder in diplomatischer Mission für die Serenissima Repubblica unterwegs (nach Ungarn, nach Ulm, nach Krakau).[11] An die 33 Studenten hat er in seiner Zeit in Padua (bis 1420) examiniert, zwei davon 1408,[12] in dem Jahr, in dem er vermutlich seine Summa philosophie naturalis abschloss.


            In seinem Widmungsbrief von Anfang Dezember 1502 für die Ausgabe Venedig 1503 der Summa philosophie naturalis schreibt Paulus de Genezano, OESA, an seinen Ordensbruder, den Theologen Paulus Zabarella u.a.:[13]

Paulus noster venetus licet in tota fere philosophia quamdoctissima commentaria machinatus fuerit: numquam tamen hac naturalium summa aliquid aut doctius edidit: aut utilus emisit. Namque quicquid in aliis diffusissime dixerat: in ea quasi resecatis fecibus et putaminibus amputatis strictim summatim et quambrevissime congessit. Adeo ut inibi tantum totius philosophie dulcissimum nectar sub preli pondere expressum videatur.
Zugestanden dass unser Paulus Venetus in fast der ganzen Philosophie hochgelehrte Kommentare zustandegebracht hat, hat er doch nie etwas gelehrteres als diese Summe der Natürlichen herausgegeben oder etwas nützlicheres herausge­bracht. Denn was auch immer er in den anderen <Werken zu den selben Themen> höchstausführlich gesagt hat, das hat er in ihr sozusagen unter Entfernung der Hefe und Entfernung der Nussschalen streng summarisch und sehr knapp zusammen­getragen: So dass dort nur der süßeste Nektar der ganzen Philosophie unter dem Gewicht der Presse hervorgedrückt erscheint.

Ein Lob der summarischen, kompendiarischen Darstellung über die Behandlung in ausführlichen Kommentaren, und zugleich die Aussage, die ganze angenehme Essenz der Philosophie lasse sich aus der Behandlung dessen gewinnen, was sich in der Summa philosophie naturalis[14] des Paulus Venetus findet, die nur die Physica, De cælo, De generatione et corruptione, Meteora, De anima, Metaphysica des Corpus Aristotelicum zu Gegenständen hat, findet sich in diesem Widmungsbrief des Paulus de Genezano.
           
Paulus Venetus selbst schreibt zu Beginn des Werkes:[15]

Plurimorum asctrictus precibus: quorum pridem mee introductionis eloquium in facultate logice[16] mentes demulserat: ut suo in naturalibus proportionis modo: physicisque doctrinis formarem compendium: quo facilius quoque et profundius Aristotele totiusque nature secreta gustarent: velut quadam essentiali serie ex communibus ad propria naturalium summam sub brevitatem conscribam: in qua non meam tamen: sed maiorum: predecessorumque patrum explicabo doctrinam. Opus autem istud non ad hoc solum formare proposui: ut quasi incognita legentibus studuerim demonstrare: cum multos unusquisque non dubitet de earum rerum scientia multiplicium librorum volumina edididsse: sed potius sub uno collecta volumine mentes scholarum eo vehementius tangerem: quo sub labore hic posita perlegissent. Et eo ardentius ad altiora pertingerent: quo dulcius hec illis fuissent oblata. Denique et ipse siquam forte non dicenda assero: aut aliter quam formanda proponam in scriptis: charitas que omnia sufferendo tolerat: mihi penitendi ignoscat. idque apud legentium obtineat animos: ut quod mei imbecillitas sensus minus docte firmaverit: eorum prudentie argumentum corrigendo elucidet: ... .
Gefesselt durch die Bitten mehrerer, deren Hirne vor längerer Zeit meine Einführungsvorlesung in das Fach Logik[17] liebkost hat, dass ich auf entsprechende Weise in bezug auf die Naturdinge und physischen Lehren ein Kompendium machen möge, so dass sie leichtern und tiefer den Aristoteles und die Geheimnisse der ganzen Natur schmecken könnten, werde ich ebenso eine essentielle Reihe <von Werkteilen> von Allgemeinen zu den Eigentümlichen eine kurzgefasste Summe der Naturdinge zusammenschreiben, in der ich nicht nur meine eigene Lehre, sondern auch die <Lehren> der wichtigen <anderen Autoren> und der vorangegangenen Väter erläutern werde.
Dieses Werk habe aber nicht nur mit dem Ziel zu schreiben angeboten, dass ich mich bemühe quasi unbekanntes den es lesenden zu beweisen - da jemand nicht zweifelt dass viele über die Wissenschaft jener Dinge vielbändige Werke herausgebracht haben, sondern eher dass ich mit einem Band, der <all> das in einem Band versammelt hat, die Hirne der Studenten umso vehementer berühren möge, die mit Mühe das hier Vorgelegte durchlesen möchten. Und sie mögen desto brennender zu Höherem gelangen: desto süßer ihnen jene <hier behandelten Gegenstände>] angeboten wurden.

Außerdem: wenn ich vielleicht etwas vertrete, das man nicht sagen sollte, oder anders als man es tun sollte in meinen Schriften vortrage, so möge die Liebe, die alles leidend erträgt, mich als jemanden Reumütigen begnadigen. Und dies möge von den Seelen der Lesenden Besitz ergreifen: dass das, was durch meine Dummheit mit ungelehrtem Sinn festgestellt sein wird, ein Argument ihrer Weisheit korrigierend erhellen möge.


Wie im Widmungsbrief von 1502 findet sich auch 1408 bei Paulus Venetus die Betonung der Nützlichkeit und Überlegenheit des kurzgefassten Kompendiums (und die Bestimmung des Zielpublikums: Studenten, die nach dem Philosophiestudium noch Weiteres planen), - darüber hinaus, dass Kenntnis des in der Summa philosophie naturalis Behandelten nicht Selbstzweck sei, sondern dem Übergang zu höheren Studien,[18] - und dass das in der Summa philosophie naturalis Vorgetragene keinen Anspruch auf absolute Richtigkeit erhebe. Ent­sprechende Untersuchungen und statistische Daten fehlen meines Wissens; mir scheinen aber Vorläufigkeit und Kontextgebundenheit von "Wahrheit" ist etwas zu sein, das vermutlich dem Anspruch der meisten philosophischen Texte der Renaissance entspricht; Ausnahmen wie vielleicht Texte Biagio Pelacanis und die 900 Thesen Giovanni Pico della Mirandolas (bzw. das Projekt, zu dem sie gehören) scheinen diese Beobachtung eher zu bestätigen als abzuschwächen.[19]



[1]           Für einen Start siehe (als hervorragenden Einstieg und Überblick und auch für weiterführende Literatur) Paul F. Grendlers The Universities of the Italian Renaissance, Baltimore : Johns Hopkins University Press 2002, zudem die bei Heinrich C. Kuhn: Venetischer Aristotelismus im Ende der aristotelischen Welt. Aspekte der Welt und des Denkens des Cesare Cremonini, Frankfurt a.M. [Peter Lang] 1996, pp. 821-864 aufgeführte einschlägige universitätshistorische und philosophiehistorische Sekundärliteratur, sowie vor allem Jean-Pierre Schobinger (ed.): Ueberweg 1.2: Allgemeine Themen, Iberische Halbinsel, Italien (=Die Philosophie des 17. Jahrhunderts ; 1.2 [Grundriss der Geschichte der Philosophie, begründet von Friedrich Ueberweg]),  Basel [Schwabe & Co.] 1998 und die dort angegebene Literatur.
[2]           Wichtigster "Leittext" für diese Fama ist: Ernest Renan: Averroès et l'averroïsme: Essai historique (troisième édition, revue et augmentée), Paris [Michel Lévy Frères] 1866 (auch als reprint - Hildesheim, Zürich, New York [Olms] 1986 - verbreitet). Renan (o.cit., p. 415 schreibt: "L'averroisme paduan, insignificant comme philosophie, acquit un véritable intérèt historique, quand on l' envisage comme ayant servi de prétexte à l' independance de la pensée".
[3]           Datierung wie durch Alan R. Perreiah in Paulus Venetus (ed. Alan R. Perreiah): Logica parva: First critical Edition from the Manuscripts with Introduction and Commentary, Leiden [Brill] 2002, p. xvii. Die früheste bekannte datierte (fragmentarische) Handschrift ist von 1412 (Nr. 6 in Alan R. Perreiah: Paul of Venice: A bibliographical guide, Bowling Green [Philosophy Documentation Center] 1986, p.47  (i.e. UB Basel, F. II. 9: ff. 98r-134)), die früheste datierte vollständige ist von 1415 (Nr. 134, op.cit., p. 99 (i.e. UB Padova ms. 931). Das Werk nimmt bezug auf die spätestens 1401 abgeschlossene  (-cf. op.cit.p. 13 in Verbindung mit p. 115) Logica parva, ist explizit für den Gebrauch im akademischen Unterricht geschrieben (hierzu später), 1408 war Paulus Venetus Dozent für Artes und Theologie in Padua (und damit für Unterricht in von der summa philosophie naturalis abgedeckten Gebieten zuständig), 1409 tritt er sein Amt als Generalprior der Augustineremiten an (op. cit. p. 14). Cf. etiam Francesco Bottin: Logica e filosofia naturale nelle opere di Paolo Veneto, in: Antonino Poppi (ed.): "Scienza e filosofia all'università di Padova nel quattrocento", Trieste [Lint] 1983, pp. 85-124, wo p. 93 die Datierung auf 1408 aufgrund der Handschrift Venezia, Bibliothca Nazionale Marciana, cod.lat. VI.223 (2603) als gesichert gesehen wird - Perreiah (op. cit., p. 69) gibt für diese Handschrift "A.D. 1408-1422" an; ich habe die Handschrift nicht eingesehen.
[4]           Alternativer Titel: Summa naturalium. Zur handschriftlichen Überlieferung siehe Alan R. Perreiah: Paul of Venice: A bibliographical guide, Bowling Green [Philosophy Documentation Center] 1986, p. 45s (52 Handschriften, so ich richtig gezählt habe) und pp. 47-71. An Drucken habe ich via KVK (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) gefunden: Mailand 1474, Venedig 1476, 1503 (von mir für dieses Kapitel im Nachdruck Hildesheim [Georg Olms] 1974 verwendet, und im Folgenden als "SPN" zitiert), Perugia 1477, Lyon 1525, Paris 1512, 1513, 1514, 1521. Die Ausgabe Venedig [Johannes de Colonia] 1476 ist im Internet zugänglich unter URL http://visualiseur.bnf.fr/Visualiseur?Destination=Gallica&O=NUMM-059603 .
[5]           Zu Paulus Venetus siehe insbesondere Eckhard Keßler: Die Philosophie der Renaissance: das 15. Jahrhundert, München [C.H. Beck] 2008, pp. 146-150 und p. 245s (und die dort genannte Literatur). Grundlegend ist Alan R. Perreiah: Paul of Venice: A bibliographical guide, Bowling Green [Philosophy Documentation Center] 1986. Für Literaturhinweise und von den hier teilweise deutlich abweichende Interpretationen siehe Alessandro Domenico Conti: Paul of Venice in: "Stanford Encyclopedia of Philosophy" 2011-00-01, URL: http://plato.stanford.edu/archives/win2012/entries/paul-venice/ [gesehen 2013-03-22]. Ich halte Contis Beitrag für alles andere als unproblematisch, nicht zuletzt da er die Logica magna (ohne auf Perreiahs Argumente gegen solche Zuschreibung [op. cit., pp. 73-127 sowie Allan R. Perreiah (trans. & comm.): Paulus Venetus: Logica Parva : Translation of the 1472 edition with Introduction and Notes, München [philosophia] 1984, pp. 327-343] einzugehen, geschweige denn sie zu wiederlegen) für ein Werk des Paulus Venetus hält, und - soweit ich seinen Beitrag verstehe - davon ausgeht Paulus Venetus Positionen seien als über die Zeit und über Grenzen von Werken und Werkgenera hinweg als identisch zu betrachten - eine Annahme für die, soweit ich sehe, ebenfalls im erwähnten Beitrag Begründung fehlt; (dazu, dass eine solche Annahme in bezug auf Paulus Venetus und seine Werke verfehlt wäre siehe auch Paulus Venetus' Explizit der Summa philosophie naturalis und die Ausführungen Francesco Bottins dazu: Francesco Bottin: Logica e filosofia naturale nelle opere di Paolo Veneto, in: Antonino Poppi (ed.): "Scienza e filosofia all'università di Padova nel quattrocento", Trieste [Lint] 1983, pp. 85-124, hier p. 94s). Den Versuch einer ausführlichen Darstellung eines behaupteten "Systems" des Paulus Venetus im Blick auf Metaphysik und deren logische Grundlagen bietet Alessandro Domenico Conti: Esistenza e verità : Forme e strutture del reale in Paolo Veneto e nel pensiero del tardo medioevo, Roma [Istituto italiano per il medio evo] 1996. P. 1n1 dort findet sich zwar eine Ablehnung von Perreiahs Abschreibung der Logica magna, aber keine Auseinandersetzung mit deren Gründen, und wenn überhaupt ein Grund für eine Zuschreibung genannt wird, dann - soweit ich es verstehe - der dass diese Abschreibung erst erfolgte nachdem das Werk lange Zeit als ein solches des Paulus Venetus galt; auch eine Diskussion von Werkgenera und Zielpublikum der Werke habe ich dort nicht gefunden.
[6]           Zur Vita siehe Alan R. Perreiah: Paul of Venice: A bibliographical guide, Bowling Green [Philosophy Documentation Center] 1986, pp. 7-33 und die dort angegebenen Quellen und Sekundärwerke. Wo nicht anders angegeben folgen meine Angaben zur Biographie des Paulus Venetus Perreiahs Buch.
[7]           Università degli Studi di Padova: Storia dell'Ateneo (2010-02-19), URL http://www.unipd.it/ateneo/storia/storia.htm
[8]           Siehe Alvise Zorzi (trans. Sylvia Höfer): Venedig : Die Geschichte der Löwenrepublik, Frankfurt am Main [Fischer Tacshenbuch Verlag] 1987, p. 725 und pp. 240-248. Die vielleicht beste Kurzübersiucht zur Geschichte der Universität Padua ist Lucia Rossettis L' Università di Padova : profilo storico, Trieste [Lint] 1983 (auch ins Deutsche übersetzt: Die Universität Padua|ein geschichtlicher Querschnitt, Trieste [Lint] 1985). Vgl. Heinrich C. Kuhn: Venetischer Aristotelismus im Ende der aristotelischen Welt. Aspekte der Welt und des Denkens des Cesare Cremonini, Frankfurt a.M. [Peter Lang] 1996, p. 73s für die weitere Entwicklung und Schwierigkeiten exakter Aussagen. Eine (bzw. die) ausschließlich der Geschichte der Universität Padua gewidmete Zeitschrift ist "Quaderni per la storia dell'Universitá di Padova"; das Inhaltsverzeichnis der Jahrgänge 1968 bis 2008 steht zur Verfügung unter URL http://www.centrostoria.unipd.it/documenti/QSUP_sommari_1-41.pdf .
[9]           Alan R. Perreiah: Paul of Venice: A bibliographical guide, Bowling Green [Philosophy Documentation Center] 1986, p. 15s.
[10]          Spätestens 1416 ist er llerdings als Provinzial tätig (Perreiah, op. cit., p. 16).
[11]          Perreiah, op. cit., pp.15-33. enthält einiges an Informationen zu Paulus Venetus' späteren Schwierigkeiten mit der Republik Venedig, und möglichen Ursachen.
[12]          Perreiah, op. cit., p. 14s.
[13]          SPN f. <vi.>v. Ich "normalisiere" hier und durchweg den Gebaruch von "u" und "v" und füge nach Satzzeichen Spatia ein wo solche in der Vorlage fehlen, lasse den Textstand ansonsten aber unverändert.
[14]          Zur Summa philosophie naturalis (und nicht zuletzt ihren Anfangs- und Schlusspassagen) siehe auch Francesco Bottin: Logica e filosofia naturale nelle opere di Paolo Veneto, in: Antonino Poppi (ed.): "Scienza e filosofia all'università di Padova nel quattrocento", Trieste [Lint] 1983, pp. 85-124, hier pp. 93-95.
[15]          SPN f. 1ra.
[16]          Es geht um den Text, der als Logica parva weite Verbreitung fand: Siehe Alan R. Perreiah (ed.): Paulus Venetus: Logica parva: First critical Edition from the Manuscripts with Introduction and Commentary, Leiden [Brill] 2002, p. xvii & pp. xx-xxviii.
[17]          Es geht um den Text, der als Logica parva weite Verbreitung fand: Siehe Alan R. Perreiah(ed.): Paulus Venetus: Logica parva: First critical Edition from the Manuscripts with Introduction and Commentary, Leiden [Brill] 2002, p. xvii & pp. xx-xxviii.
[18]          Gedacht ist wohl an Theologie (da die angesprochene Logik-Einführung, die Logica parva, noch dem Kontext von Paulus Venetus' Unterricht im Augustinerkonvent angehört - vgl. Alan R. Perreiah: Paul of Venice: A bibliographical guide, Bowling Green [Philosophy Documentation Center] 1986, p. 115) und Medizin (zumindest wenn mann annimmt dass bereits 1408 so wie im 16. und 17. Jahrhundert das Studium der Philosophie Vorstufe zum Studium der Medizin war).
[19]          Siehe weiter unten zu Paulus Venetus' Thesen zur Ewigkeit/Einheit des Intellekts.




<...>




            In seinen oben zitierten einführenden Zeilen zur Summa philosophie naturalis[1] hatte Paulus Venetus auf seine vor der Summa philosophie naturalis entstandene Einführung in die Logik verwiesen, den Text, der heute als Logica parva bekannt ist.[2] Besondere Beachtung in der neueren Literatur hat die Behandlung der Paradoxe/Paradoxien (insolubilia)[3] gefunden.[4]
            Eines Ein Textabschnitt davon, in dem Paradoxie in Aktionen, und situationsbezogen, und nicht "nur" als Paradoxien in Sätzen qua potentiell paradoxen Sätzen diskutiert,[5] wird, sei hier kurz vorgestellt (man stelle sich dabei vor, dass es in dem beschriebenen Casus um einen Wettbewerb gehe, bei dem eine Jury zu entscheiden habe, ob ein bestimmter Wettbewerber eine bestimmte Brücke überqueren dürfe):

Eodem modo respondetur ad casum positum quando ponitur quod omne dicens verum pertransibit pontem, et solum tale, et Sortes qui sit omnes Sortes dicat istam propositionem et nullam aliam "Sortes non pertransibit pontem" significantem praecise sicut termini praetendunt, non admittitur casus. Si tamen removeatur dictio exclusiva, admittatur, et dicatur consequenter quod Sortes non pertransibit pontem et quod A est falsum.[6]

Auf die gleiche Weise[7] wird auf den gesetzten Casus geantwortet wenn gesetzt wird dass jeder der etwas Wahres sagt über eine <bestimmte> Brücke gehen wird, und nur ein solcher <der etwas wahres sagt>, und dass Sokrates, der alle Sokratesse sei, diese Proposition und keine andere sagt: "Sokrates wird nicht über die Brücke gehen", die präzis bezeichnet, so wie es die Termini vorgeben: dann wird der Casus nicht zugelassen. Wenn aber die exklusive Aussage hinweggenommen wird, dann wird er zugelassen, und es wird folglich ausgesagt, dass Sokrates nicht über die Brücke gehen wird und dass A falsch ist.

Es geht also (zunächst) nicht darum, welchen Wahrheitswert denn in der angenommenen Situation die Aussage "Sokrates wird nicht über die Brücke gehen" hat, sondern die Frage bezieht sich auf den ganzen Casus (und nicht nur diesen Satz), und darauf, ob dieser "zugelassen" werden solle. Es geht dabei um Insolubilia im Kontext logischer Übungen/Wettstreite des Typs Obligationes.[8] Und für diese gilt, dass, was schlechthin paradox/insolubilis ist, nicht zugelassen werden muss noch soll.[9] Und streng betrachtet, unter Beachtung aller Bedingungen, trifft dies auf diesen Casus zu. Wenn aber die Bedingung, dass der Sokrates, der da spricht, alle Sokratesse sei, so sagt er, dass kein Sokrates über die Brücke gehen werde; aber es wird angenommen, dass irgendein Sokrates über die Brücke gehen wird, und daher der die Proposition äußernde Sokrates unrecht hat.[10] Es folgen Einwände gegen diese Position und deren Widerlegung,[11] dann einige allgemeinere Aussagen,[12] darunter die obigen zur Unzulässigkeit von schlechthinnigen Paradoxien/insolubilia, und dann folgender Abschluss des Traktats über die Paradoxa/Paradoxien/insolubilia:

Notandum quod non quaecunque quae hic locutus sum seu in ceteris tratatibus ea dixi secundum intentionem propriam sed partim secundum intentionem aliorum ut iuvenes incipientes facilius introducantur.[13]
Es ist festzuhalten, dass ich nicht alles, was ich hier bzw. in den anderen Traktaten gesagt habe, gemäß meinem eigenen Verständnis gesagt habe, sondern zum Teil gemäß dem Verständnis anderer, auf dass die jugendlichen Anfänger leichter eingeführt würden.


Nicht um die eigene Ansicht also geht es, noch um Originalität/Eigenständigkeit, sondern um einen möglichst guten Text für möglichst guten akademischen Unterricht.



[1]           SPN f. 1ra.
[2]           Kritische Ausgabe mit sehr nützlichem Kommentar: Paulus Venetus (ed. Alan R. Perreiah): Logica parva: First critical Edition from the Manuscripts with Introduction and Commentary, Leiden [Brill] 2002. Englische Übersetzung auf Basis der Ausgabe Paulus Venetus: Logica, Hildesheim [Georg Olms] 1970 (Reprint der Ausgabe Venedig 1472): Paulus Venetus (trans. Allan R. Perreiah): Logica Parva, München [Philosdophia] 1984.
[3]           Zu Insolubilia in der Zeit vor Paulus Venetus: Paul Vincent Spade: Insolubles (2009-06-26) in: "The Stanford Encyclopedia of Philosophy", URL: http://plato.stanford.edu/archives/win2009/entries/insolubles/ . Zu Paulus-Venetus-Rezeption bei Cervantes siehe Heinrich C. Kuhn: Sancho Panza & Paulus Venetus & GianlucaBriguglia, 2010-09-21, URL http://www.phil-hum-ren.uni-muenchen.de/W4RF/YaBB.pl?num=1285059938/0#0 [gesehen 2013-03-22].
[4]           Siehe Alan R. Perreiah: Insolubilia in the Logica Parva of Paul of Venice in: "Medioevo" 4 (1978), pp. 145-171 und die diesen Aufsatz zitierende Literatur (via Google books und/oder Web of Science und/oder Google Scholar).
[5]           wie es beim "klassischen" Lügnerparadox der Fall wäre.
[6]           Paulus Venetus (ed. Alan R. Perreiah): Logica parva: First critical Edition from the Manuscripts with Introduction and Commentary, Leiden [Brill] 2002, p. 148.
[7]           wie bei dem Problem dass die Regel in einem Wettbewerb sei dass in diesem Wettbewerb wer etwas Wahres sage einen Denar erhalte, und dass einer der Wettbewerbsteilnehmer äußere "Ich werde keinen Denar erhalten": Paulus Venetus (ed. Alan R. Perreiah): Logica parva: First critical Edition from the Manuscripts with Introduction and Commentary, Leiden [Brill] 2002, p. 147s.
[8]           Für eine Eiführung zu diesen Obligationes siehe Alan R. Perreiah (ed.): Paulus Venetus: Logica parva: First critical Edition from the Manuscripts with Introduction and Commentary, Leiden [Brill] 2002, pp. 279-288 und dazu die einschlägigen Literaturangaben pp. 308-310.
[9]           Paulus Venetus (ed. Alan R. Perreiah): Logica parva: First critical Edition from the Manuscripts with Introduction and Commentary, Leiden [Brill] 2002, p.149: "Et nullum insolubile simpliciter est concedendum infra tempus obligationis".
[10]          Der oben erwähnte Casus mit der Aussage "Ich werde keinen Denar erhalten" wird von Paulus Venetus in der nichteingeschränkten Fassung dadurch gelöst, dass "Ich werde keinen Denar erhalten" als die Behauptung "Ich werde keinen Denar erhalten und diese Aussage ist wahr (hat den Wahrheitswert 'wahr')" verstanden wird, und das "diese Aussage ist wahr (hat den Wahrheitswert 'wahr')" bestritten wird, so dass die Gesamtaussage falsch ist. Dies ist keine Lösung die Paulus Venetus für den Casus mit der Brücke diskutiert: er sieht ihn soweit erkennbar nicht als einfach eine andere Version des selben Problems.
[11]          Paulus Venetus (ed. Alan R. Perreiah): Logica parva: First critical Edition from the Manuscripts with Introduction and Commentary, Leiden [Brill] 2002, p. 148s.
[12]          Paulus Venetus (ed. Alan R. Perreiah): Logica parva: First critical Edition from the Manuscripts with Introduction and Commentary, Leiden [Brill] 2002, p. 149s.
[13]          Paulus Venetus (ed. Alan R. Perreiah): Logica parva: First critical Edition from the Manuscripts with Introduction and Commentary, Leiden [Brill] 2002, p. 150.
 




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